Bild Statement Dr. Beate Brězan im Jugendhilfeausschuss am 09.06.2026 im Kreistagssaal Bautzen

Statement Dr. Beate Brězan im Jugendhilfeausschuss am 09.06.2026 im Kreistagssaal Bautzen

Gemeinschaft I zhromadnosć

Česćeny knjez předsyda Pink, česćena knjeni decernentka Penther, lube koleginy a lubi kolegojo, I Sehr geehrter Herr Vorsitzender Pink, sehr geehrte Frau Dezernentin Penther, liebe Kolleginnen und Kollegen,

wir sprechen und entscheiden hier im Jugendhilfeausschuss auf einer administrativen Ebene. Wir beraten über Konzepte, Prioritäten, Kennzahlen und Finanzen. Dabei geraten die Kinder, Jugendlichen und Familien, um die es eigentlich geht, leicht aus dem Blick. Deshalb sollten wir sie zumindest immer vor unserem geistigen Auge haben.

Im Sachbericht zur Schulsozialarbeit konnten die Träger im vergangenen Jahr erstmals eigene Anmerkungen formulieren. Dort habe ich – gerichtet an die Kolleginnen und Kollegen im Jugendamt – geschrieben: Scheuen Sie sich nicht, Ihre Probleme, Belastungen und Ziele im Jugendhilfeausschuss so wiederholt und konsequent anzusprechen, wie der Landrat seine Wächterfunktion für die Finanzen wahrnimmt. Seine Lektion haben wir gelernt. Nun muss es uns darum gehen, die vorhandenen Mittel möglichst wirksam einzusetzen.

Dafür brauchen wir aus meiner Sicht mehr Wissen über die Lebenswelten der Menschen. Sozialraumanalysen sollten nicht an den Grenzen der Jugendhilfe enden. Sie sollten auch Vereine, kulturelle Angebote, Wohnraum, Nahverkehr und andere Lebensbedingungen einbeziehen. In den neuen Prioritäten zur Schulsozialarbeit taucht immerhin der Begriff der Sozialstrukturdaten auf. Bei einigen dieser Daten heißt es jedoch, diese Daten seien nicht verfügbar. Ich würde sagen: noch nicht.

Neben den Daten sollten wir aber auch über Qualitätsmanagement sprechen. Qualitätsmanagement bedeutet letztlich Prozessmanagement. In der Jugendhilfe sind die Prozesse oft stark arbeitsteilig organisiert. Nicht selten kümmern sich viele engagierte Fachkräfte um ein Kind oder eine Familie. Es gibt Hilfeplangespräche, Helferkonferenzen und zahlreiche Abstimmungen. Und trotzdem gelingt Hilfe manchmal nicht. Zuständigkeiten wechseln, Personalwechsel bringen Brüche mit sich, Abstimmungen dauern zu lange oder Beteiligte warten aufeinander. Am Ende kann es passieren, dass gerade das Kind, dem die ganze Aufmerksamkeit gelten sollte, doch durchs Netz fällt.

Deshalb sollten wir uns als Jugendhilfeausschuss nicht nur Berichte vorlegen lassen. Wir sollten uns auch immer wieder anonymisierte Fallverläufe schildern lassen – in denen Hilfe erfolgreich war, und Fälle, in denen sie nicht den gewünschten Erfolg hatte. Aus beiden Varianten können wir lernen. (pos. Bsp. aus dem Sozialraum HOY I Frau Hauke (HZE) und Frau Göthel (Schulsozialarbeit) stellen ein Praxisbeispiel im JHA vor, 01.09.2025)

Aber auch Sozialstrukturdaten und Prozessbeschreibungen führen uns noch nicht an den Alltag eines einzelnen Kindes heran. Deshalb möchte ich heute eine Haltung ansprechen, die uns bei unserer Arbeit leiten könnte.

Mein Ideal ist, dass wir uns für jeden Menschen fragen: Gibt es mindestens einen anderen Menschen, bei dem sich jener wohlfühlt, Vertrauen erlebt und emotionale Kraft schöpfen kann? Für Kinder und Jugendliche ebenso wie für ihre Eltern. Solche Beziehungen sind oft die wichtigste Grundlage, um Krisen und Probleme zu bewältigen und seelische Gesundheit zu erhalten. Seelische Gesundheit ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Deshalb sollten wir uns noch stärker dafür interessieren, welche Chancen auf Teilhabe an Gemeinschaft die Menschen in unserem Landkreis haben. Das betrifft die Jugendhilfe, aber ebenso die Altenhilfe. Gerade weil die Kosten in beiden Bereichen steigen, müssen wir überlegen, wie lokale Gemeinschaften weiter gestärkt werden können.

Und wir können dabei selbstbewusst auf die Stärken unseres Landkreises blicken. Wir leben in einem ländlich geprägten Raum. Die Herausforderungen sind groß, aber sie erscheinen mir nicht uferlos wie in mancher Großstadt. Wir haben m.E. gute Gründe, zuversichtlich zu sein.

Ich möchte an dieser Stelle ganz bewusst lokalpatriotisch sein und für Gemeinschaften in unserem Landkreis werben, in denen Menschen füreinander da sind.

In diesem Zusammenhang bedauere ich die Entscheidung des Kreistages, das Bundesprogramm Demokratie leben nicht fortzuführen. Nicht jedes Projekt hat jeden überzeugt. Aber über Inhalte kann man diskutieren und sie verändern. Mit dem Verzicht auf das Programm verzichten wir auch auf zusätzliche Möglichkeiten, mehr Gemeinschaft zu fördern und Begegnungen zu schaffen, aus denen viel privates Engagement für Nachbarschaftshilfe, Feiern und Traditionen entsteht, das dann nicht öffentlich finanziert werden muss. (Bsp.: Wittichenau – Kirche, sorbische Sprache und Tradition, Karnevalstradition)

Aus meiner lokalpatriotischen Perspektive möchte ich auch große deutsche Denker zu Wort kommen lassen. Schließlich haben wir ihr Werk, um uns von ihren Gedanken inspirieren zu lassen.

Der deutsche Soziologe Ferdinand Tönnies hat 1887 eines seiner bekanntesten Werke schlicht „Gemeinschaft und Gesellschaft“ genannt. Allein dieser Titel beschreibt eine Aufgabe, die bis heute aktuell ist. Gesellschaft organisiert das Zusammenleben. Gemeinschaft gibt ihm Halt.

Passend dazu Friedrich Schiller. In der zweiten Strophe seiner Ode an die Freude heißt es:

„Wem der große Wurf gelungen,
eines Freundes Freund zu sein … der mische seinen Jubel ein“ und dann: „Ja, wer auch nur eine Seele sein nennt auf dem Erdenrund …“ Das ist ein schönes Bild für das, was Gemeinschaft im Kern bedeutet.

Natürlich ist das ein Ideal. Wir werden dieses Ideal niemals vollständig verwirklichen. Aber es kann unsere Haltung stärken im Sinne des deutschen Soziologen, Max Weber, der im Jahr 1919 am Ende seines Vortrages „Politik als Beruf“ sagte: „Die Politik ist ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich … Nur wer sich sicher ist, dass er daran nicht zerbricht, …dass er all dem (Widerstand) gegenüber ‚dennoch‘ zu sagen vermag, nur der hat den ‚Beruf zur Politik‘.“

Dieses „dennoch“ wünsche ich mir auch für unserer Arbeit im Jugendhilfeausschuss und die Haltung, über Zahlen, Zuständigkeiten und Verwaltungsabläufe hinauszublicken mit dem Ziel, einander wohlwollende und hilfreiche Gemeinschaften zu stärken, und dass wir uns immer fragen, hat das Kind einen Menschen in seinem Umfeld, bei dem sich es wohlfühlt, entspannen und Kraft schöpfen kann. Vielen Dank I Wutrobny dźak“

dr. Beata Brězanowa | Dr. Beate Brězan

nawodnica | Leiterin

Domowina z. t. / Rěčny centrum WITAJ | Domowina e. V. / WITAJ-Sprachzentrum

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