Ganken seitens der Kampage Jugend- und Familienarbeit WIRKT!
Im Rahmen des SZ-Elternabends am 21. September 2026 im Steinhaus e.V. in Bautzen wurde Kultusminister Clemens seitens der JUF-Steuerungsgruppe ein Gedankenpapier übergeben. Darin werden schulische Themen und Herausforderungen aus der Perspektive freier Träger aufgegriffen. Ziel dieses Papiers ist es Impulse für den weiteren Austausch und die gemeinsame Gestaltung schulischer Bildung zu geben.
Sehr geehrter Herr Kultusminister Clemens,
wir, die freien Träger der präventiven Jugendhilfe aus dem Landkreis Bautzen, erleben über unsere inner- und außerschulischen sozialpädagogischen Angebote, die Schulen zunehmend als einen zentralen Ort, an dem gesellschaftliche Veränderungen und soziale Problemlagen bei Kindern und Jugendlichen unmittelbar sichtbar werden. Lehrkräfte an Schulen können die daraus erwachsenden Herausforderungen nicht allein lösen. Aus unserer Sicht brauchen wir deshalb eine verbindliche und strukturell abgesicherte Zusammenarbeit auf Augenhöhe.
Dabei legen wir unser Anliegen auf folgende Schwerpunkte:
Psychische Belastungen und soziale Problemlagen im Blick behalten
Verantwortliche müssen stärker darüber sprechen, was hinter einem auffälligen Verhalten junger Menschen steckt. Die Unterrichtsabwesenheit von Schülern (Schulabsentismus), aggressive Verhaltensweisen oder psychische, mentale Rückzüge junger Menschen benötigen nicht nur eine Reaktion seitens der Schule, sondern auch frühzeitige sozialpädagogische Unterstützung.
Schulsozialarbeit gehört in die Regelstruktur
Schulsozialarbeit braucht Kontinuität statt unterschiedlicher Förderlogiken und dies für jede Schulform. Die Etablierung von Schulsozialarbeit sollte sich nicht nur danach richten, wo gerade besonders viele Probleme sichtbar
werden oder wie die kommunalen Haushaltsmittel ausreichen, sondern muss allen Kindern und Jugendlichen als feste Anlaufstelle an ihrer Schule zur Verfügung stehen.
Fachkräftemangel in beiden Systemen gemeinsam betrachten
Der Mangel an Fachkräften zeigt sich in Schulen genauso wie in der präventiven Jugendhilfe. Gut ausgebildete Fachkräfte zu gewinnen, gestaltet sich herausfordernd. Oft liegt der Grund darin, dass diese aufgrund der gesellschaftlichen und strukturellen Situation, insbesondere den ländlichen ostdeutschen Raum als mögliche berufliche und private Perspektive meiden. Eine hohe Fluktuation von Fachpersonal an Schulen besteht zudem durch Burnout, unzureichende Strukturen und hohe Belastungsanzeigen. Präventive Angebote insbesondere der offenen Jugendarbeit als bestehende dritte Lernorte und Unterstützungsmöglichkeiten sind fehlenden Finanzdeckungen und schleichendem Rückbau gegenübergestellt.
Multiprofessionelle Teams
Multiprofessionelle Unterstützungssysteme müssen strukturell vorgesehen und eingeplant werden. Dazu zählen nicht nur die an Schulen agierenden Professionen, sondern auch wichtige weitere Netzwerke wie etwa Partner aus dem Bereich Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), Schulpsychologen, Suchtberatung, Allgemeiner Sozialer Dienst, Beratungsstellen sowie präventive Angebote.
Jugendhilfe als Netzwerk der Schule betrachten
Kooperation bedeutet, dass die präventive Jugendhilfe bereits von Beginn an im Netzwerk mitgedacht und eingeplant ist. Sie sollte nicht erst dann einspringen, wenn ein Schulsystem an seine Grenzen kommt. Dafür bedarf es jedoch auch in der Prävention sichere und nachhaltige Strukturen statt Förderung nach Haushaltslage.
Beteiligung von betroffenen Kindern und Jugendlichen
Bei inhaltlichen und strukturellen Ausrichtungen wird auf allen Ebenen durch Erwachsene sehr viel über Kinder und Jugendliche gesprochen. Doch selten werden diese in Gespräche einbezogen. Dadurch fehlt der Blick der betroffenen Kinder und Jugendlichen. Diese bekommen bisher kaum passende Gesprächsanknüpfungspunkte, um ihre Sicht der Situation und den Bedarf zu spiegeln, wie beispielsweise Schulverweigernde, die durchaus erläutern können, was ihre Hintergründe und Bedarfe sind.
Einheitlicher Kinderschutz in und um Schule
Kindern und Jugendlichen müssen in all ihren Lebensbereichen funktionierende Schutzstandards zur Verfügung stehen. Dafür benötigt es klare Handlungsleitlinien bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdungen, Zeitressourcen für die Fachkräfte, Weiterbildungen und gelebte Schutzkonzepte. Verbindliche und praxistaugliche Kooperationsstandards zwischen Jugendhilfe und Schule bieten dafür eine Grundlage. Auch auf der Ebene der Ministerien bedarf es zwischen dem Kultusministerium und dem Sozialministerium gemeinsamer Standards zum Schutz von Kindern und Jugendlichen, damit kein Fall liegen bleibt.
Präventionsangebote, besonders in den Themenfeldern von Demokratieverständnis, Extremismus und sozialen Medien
Zahlreiche Formate, welche Schulen als Präventionsangebote und Ressource zur Kompetenzerweiterung und politischen/sozialen Bildung nutzen, sind aktuell auf Bundes- und Landesebene Kürzungen ausgesetzt. Parallel dazu erleben wir einen gesellschaftlichen Wandel, der in zunehmendem Maße antidemokratische Verhaltensweisen zeigt. Auch diese spiegeln sich im Schulalltag der Zielgruppe wider. Steigende Konfliktpotenziale, fehlende Lösungskompetenzen sowie Bildungs- und Partizipationsangebote führen zum Anstieg von Gewaltspiralen.
Die Fragestellungen sollten sein:
Was benötigen Lehrerkräfte, damit sie ihren Bildungsauftrag erfüllen, ohne dabei selbst sinnbildlich Feuerwehr bei der Lösung sozialer und gesellschaftlicher Herausforderungen zu sein?
Was benötigen Schüler und Schülerinnen, damit sie sichere und motivierende Lernbedingungen erleben? Und welchen verbindlichen Beitrag kann das von Ihnen geführte Kultusministerium leisten, damit Schule und Jugendhilfe diese Verantwortung tatsächlich gemeinsam wahrnehmen können?
Der Gedanke sollte nicht sein, Lehrkräften zusätzliche Aufgaben aufzubürden. Im Gegenteil:
Es muss dazu beigetragen werden, dass diese sich wieder stärker auf ihren Bildungsauftrag konzentrieren dürfen. Schule ist ein wichtiger Ort der Entwicklung und Entfaltung in der Lebenswelt der Schüler und Schülerinnen. Dafür brauchen aus
unserer Sicht Kinder und Jugendliche ein verlässliches Netz aus Lehrkräften, sozialpädagogischen Fachkräften wie Schulsozialarbeitenden, Inklusions- und Schulassistenten, Praxis- und Berufsberatenden, Fachkräften vom Allgemeinen
Sozialen Dienst, Partnern aus dem Bereich Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), weiteren Unterstützungssystemen und der Familie. Dieses Netz muss auf allen Ebenen Kommunal-, Landes- und Bundesebene) politisch gewollt, finanziell und strukturell abgesichert, vor Ort handlungsfähig, lösungsorientiert und nachhaltig gelingend wirken.
Unterzeichnet durch
die Kampagnengruppe „Jugend- und Familienarbeit WIRKT“
*Foto: Steinhaus e.V.
