Bild Jeder Raum ein Unikat – Wie Jugendliche ihre Treffs selbst organisieren

Jeder Raum ein Unikat – Wie Jugendliche ihre Treffs selbst organisieren

Jugendclubs und eigen organisierte Jugendtreffs haben eine lange Tradition in den östlichen Bundesländern. Teilweise traditionell gewachsen, teilweise der neuen Zeit angepasst sind sie wichtiger Bestandteil der dörflichen und kleinstädtischen Kultur und bieten der heranwachsenden Generation Gestaltungsspielraum, elternfreie Zone, (Kennen-) Lernfeld und kulturelle Teilhabe im Heimatort gleichermaßen. Wenn man sich keinem spezifischen Hobby im sportlichen, hilfstechnischen oder musikalischen Bereich zuordnet, sieht es zudem mau aus bei Freizeitangeboten im ländlichen Raum. Für professionell begleitete Kinder- und Jugendhäuser (attraktiv für die 7- bis 14-Jährigen) fehlt oft das kommunale Geld, auch wenn deren offene Struktur sehr nachgefragt ist.

So ist es kein Wunder – eher besonders hervorhebenswert –, dass die Westlausitz und damit der westliche Teil des Landkreises Bautzen eine der Regionen in Sachsen ist, in der das Netz der Jugendclubs die höchste Dichte aufweist. Allein ca. 60 Treffräume sind hier aus jugendlichem Engagement heraus entstanden und werden zum Teil schon über Generationen weiter „vererbt“. Dass Indoor-Jugendtreffs nicht einfach verantwortungsfreie Plätze sind, bekommen vornehmlich die Mädchen- und Jungen-Gruppen zu spüren, welche dabei sind, einen solchen Ort für sich neu entstehen zu lassen. Die erste Hürde ist erst einmal, ein öffentliches Objekt zu finden, dass dafür in Frage kommt. Immer weniger Räume sind in kommunaler Hand und wenn, sind diese oft im maroden Zustand oder in Nutzung anderer gemeinnütziger Vereine. Weitere Auflagen und Sicherheitsbestimmungen in Sachen Brandschutz, Barrierefreiheit, Erschließung oder Energieeffizienz ähneln denen eines privaten Hausbesitzes und überfordern Heranwachsende ohne Erfahrung. Jugendschutz muss hier extra Beachtung finden, genauso wie das nachbarschaftliche Umfeld. Und – jung ist niemand lange! Das bedeutet, dass Projektvorhaben, die mehrere Jahre in Anspruch nehmen in der Regel nicht mehr denjenigen zu Gute kommen, welche für einen solchen festen Treff gekämpft haben.

Da ist es lobenswert, dass Bürgermeister*innen, Gemeinderäte oder auch private Unterstützer versuchen, trotz aller Hemmnisse nach Lösungen für „ihre“ Kinder und Jugendlichen zu suchen, um ihnen die Möglichkeit zu bieten im Ort einen festen Bezugspunkt zu haben. A und O bei der Kommunikation zwischen Jugendgruppe und Erwachsenen ist eine große Portion beiderseitigem Vertrauensvorschuss und der Lohn der Bemühungen im Idealfall eine Zukunftsgeneration für die Dörfer in der Region zu halten.

Wenige Profis beraten mobil

Mittlerweile hat sich zudem ein sozialräumliches Hilfesystem etabliert, welche den Jugendgruppen im ländlichen Raum mit Rat und Tat zur Seite steht. Die so genannte mobile Jugendarbeit in den Regionalteams, denen verschiedene freie Träger angehören, unterscheidet sich unter anderem hierbei vom klassischen Streetwork der Großstädte. Ehrenamtliches Engagement, Vernetzung und Stärkenorientierung haben höchste Priorität. Die Sozialarbeiter*innen sind Gast, immer mit einem offenen Ohr für die Bedürfnisse und Problemlagen der Jungen und Mädchen. Die Gruppe steht im Vordergrund und weniger der oder die Einzelne, auch wenn natürlich individuelle Lebenswege der Heranwachsenden Bestandteil der Gespräche im bzw. am „Club“ sind. Am Ende bleibt es Schwerpunkt, günstige Rahmenbedingungen für die junge Generation zu schaffen, damit diese mitgestalten und positive Erfahrungen im intergenerativen Miteinander machen können.

Da es schnell praktisch wird und jeder Treff ähnlich und doch anders „tickt“, kommen Austauschtreffen und Weiterbildungen, in denen die sonst hoch eigenständigen Engagierten-Gruppen zentral zusammenkommen, sehr gut an. So waren beim letzten – immer vom Regionalteam organisierten – Clubs-Abend im März auch gleich Vertretungen von 12 JC´s da. Diesmal ging es rund ums Thema Geld. Die Mauer, welche mit „trockenen“ und bürokratischen Begriffen wie Kassenführung, Steuererklärung (bei e.V.´s) oder Förderprogrammen aufgebaut ist, wird hier auf lockere Art in Gesprächen mit Profis wie auch gleich Betroffenen, schnell kleiner oder auch ganz „eingerissen“. Es lohnt Hilfestellung zu geben, gibt es die an sich dafür vorgesehene Jugendleiterausbildungen (JULEICA) nur punktuell. Verbandlich fehlt im Landkreis Bautzen ein Jugendring, der sonst obligatorische Lobbyist für demokratische Jugendgruppierungen jeglicher Art. So sind oft die Regionalteam-Mitarbeiter*innen die einzigen Fachkräfte, welche diese Interessen über den Heimatort hinaus vertreten.

Mittlerweile sind die Jugendarbeiter*innen vom Netzwerk für Kinder- und Jugendarbeit und vom Steinhaus Bautzen sogar Impulsgeber, für ein sachsenweites Projekt, welches Wissenswertes und Praktikables für selbst verwaltete Jugendtreffs an einem Punkt sammelt. Hierzu lohnt es sich bei Interesse auf www.dasmachenwir.de zu schauen, eine Modell-Website, welche ihresgleichen Deutschland weit sucht.

DIE Jugend gibt es nicht und Club ist nicht gleich Club

Dreh- und Angelpunkt bleibt das Finden eines geeigneten Raums. Jugendgruppen finden sich ja sehr unterschiedlich, variieren im Alter von zwölf Jahren bis Mitte Zwanzig, haben dementsprechend unterschiedliche Wünsche und Erwartungen. Einend ist der Wille, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und etwas zu schaffen, auf das man mit Stolz zurückblicken kann.

An Kreativität fehlt es der Generation dabei nicht und auch die Ansprüche sind sehr realistisch. Wie langlebig „endlich gefundene“ Jugendtreffs sind, entscheiden dabei zwei Faktoren: die Gruppengröße und deren Umgang miteinander, welcher respektvoll, offen und tolerant sein muss. Manchmal ist es eine kurze Welle von Engagement, manchmal entwickelt sich aber auch jahrelanges intensives Gemeinschaftsgefühl, welches gern auch nach außen gezeigt und getragen wird. Die Vielfalt drückt sich dann sichtbar darin aus, dass es vom Betreiben eines ganzen Hauses über das Gestalten von Jugendräumen bis hin zum Einrichten von Gartenlauben, Garagen, Unterständen, Bauwägen oder Containern viele Treff-Varianten gibt. Wenn dann die höchste Status-Stufe eines eingetragenen Vereins entsteht, der sich auch noch intensiv in die Kulturveranstaltungen des Dorfes oder der Stadt einbringt, ist der Jugendclub aus dem Gemeindeleben nicht mehr wegzudenken.

Wie man sich die Anfänge eines aktiven Jugendclubs vorstellen muss drückt sich am besten in folgendem Beispiel aus:

Kleinröhrsdorfer Jugend macht einen Container zum wohnlichen Treff-Ort – Interview mit Laura Höfgen vom JC Kleinröhrsdorf

Wie ist es dazu gekommen, dass ihr einen Container als JC-Raum habt?

Die Idee entstand schon vor ca. 3-4 Jahren. Wir wollten gerne einen Treffpunkt erschaffen, welcher unabhängig ist. Da unser alter JC leider im Jahr 2016 geschlossen wurde, blieb uns keine andere Möglichkeit als alles von der Pike auf, neu zu planen und zu gestalten.

Wie und wann entstand die Idee einen JC zu gründen?

Das Gebäude, in welchem sich auch der alte JC befand, wurden leider verkauft. So blieben uns nur wenige Möglichkeiten einen Ort in Kleinröhrsdorf zu finden, an dem wir uns niederlassen können. Nach langem Überlegen und hin und her diskutieren, kam dann schließlich das Angebot der „Hellerauer Werkstätten“. Die Spende des Containers, nahmen wir natürlich dankend an.

Warum ist der JC wichtig für Kleinröhrsdorf?

Vor allem in kleinen Dörfern, wie unserem, finden wir es super wichtig Traditionen zu bewahren. Dies geht natürlich nur, wenn immer wieder Generationen nach rutschen. damit wir Traditionen bewahren und bei Festen unterstützen können, brauchen wir natürlich einen Ort, an dem wir alle zusammenkommen und planen können. Des Weiteren fanden wir es wichtig, dass wir und auch alle nachfolgenden Generationen einen Ort haben, an dem wir uns unabhängig von Schule, anderen Hobbys oder Verpflichtungen treffen können.

Von wem werdet ihr unterstützt?

Zum Glück erfahren wir einiges an Unterstützung durch den Ortschaftsrat und insbesondere den Ortsvorsteher Peter Nietzold. er ging mit uns fast alle bürokratischen Wege. Außerdem unterstützt uns Bernadette Zeller vom Netzwerk für Kinder- und Jugendarbeit e. V. Sie brachte uns Aktionen und Angebote näher, bei denen wir Geld für unseren Um- und Ausbau generieren können. Seit einigen Wochen sind wir Untergruppe des Fördervereins Kleinröhrsdorf, welcher uns auch tatkräftig unter die Arme greift. Des Weiteren halfen uns bereits einige Privatpersonen, welche auch für die Zukunft Ihre Hilfe angekündigt haben. Hierfür sind wir sehr dankbar.

Was sind Stolpersteine, wenn es um euren JC geht?

Die größte Herausforderung war wahrscheinlich der bürokratische Aufwand und dieser wird es auch immer sein. Schon in der Vergangenheit mussten wir z.B. viele Konzepte schreiben. Des Weiteren ist es schwierig, immer alle Jugendlichen am Ball zu halten. Ich denke auch, der Innenausbau wird seine Höhen und Tiefen haben. Ich bin jedoch alles in allem davon überzeugt, dass wir diese Herausforderungen gemeinsam gut meistern können. Teilweise mussten wir uns auch von der Bevölkerung demotivierende Worte anhören.

Was plant ihr als JC für die nächste Zeit?

Zu aller erst planen wir den Innenausbau. Ich denke dies ist das A und O für die nächste Zeit. Es steht auch eine Begehung durch den Vorstand des Bauhofs und weitere Mitarbeiter des Rathauses an, bei der sich die nächsten Schritte besprechen lassen. Unser Ziel ist es im Sommer mit dem gröbsten fertig zu sein, damit wir im Winter die Inneneinrichtung in Angriff nehmen können.

Treff-Orte für Jugendliche, so unterschiedlich sie in der Oberlausitz sind, bergen in sich ein großes Potential nicht nur für die Jugendlichen selbst, sondern für die alle im Dorf oder im Stadtteil. Sie bieten den Jugendlichen die Freiräume sich zu entfalten sowie eigenverantwortlich und gestalterisch aktiv zu werden. Dieses Engagement und der Einsatz kommen meist allen Generationen im Ort zu Gute. Daher ist es wichtig die Heranwachsenden zu unterstützten und zu begleiten, um die Verbundenheit zur Gemeinschaft und zur Heimat dauerhaft zu festigen.

*Verfasser*innen: Bernadette Zeller und Torsten Kluge, Netzwerk für Kinder- und Jugendarbeit e.V.

Foto: www.pixabay.de