Bild Ina G.

Ina G.

Cunewalde

„Meine Tochter ist durch das Theaterprojekt wie verwandelt: Sie studiert jeden Tag freiwillig ihren Text, freut sich auf die Proben im Jugendtreff und fokussiert sich nicht mehr nur auf Probleme und körperliche Beschwerden. Sie bewegt sich mehr, geht unter Menschen und wirkt froh und glücklich. Sie hängt endlich nicht mehr den ganzen Tag vor dem Laptop oder vor dem Handy.“

Ina G.

Die ganze Geschichte von Ina:

Ina G. ist Mutter einer vierzehnjährigen Tochter, die sowohl die Theatergruppe der Oberschule Cunewalde besucht, als auch Einzelfallstunden in Anspruch nimmt – beides Angebote der Schulsozialarbeit. Ina hat sich nun mit der Schulsozialarbeiterin Elisabeth Herold im Jugendtreff Cunewalde getroffen, um ihre Geschichte hinter dem Zitat zu erzählen.

Vor einem Jahr, im Juli 2021, wurde ein Theaterprojekt im Rahmen des Ferienprogrammes im Jugendtreff Cunewalde angeboten. Träger ist Valtenbergwichtel e.V., ein gemeinnütziger Verein, der seinen Sitz in Neukirch hat und viele Projekte bzw. unterschiedliche Arbeitsfelder im Oberland beherbergt. Vor eineinhalb Jahren stieß Inas Tochter zu dieser Theatergruppe, die seit Oktober 2021 als feste AG in der Oberschule existiert und mittlerweile um 7 Mitglieder gewachsen ist.

In der Oberschule gab es bisher keine Ferienprogramme, wie sie in der Grundschule angeboten wurden. Da sei die Tochter bereits in einer Theatergruppe gewesen. Ina schwärmt noch heute von einer Vorstellung, zu der ihre Tochter einen übergroßen Hut trug und eine feine Dame spielte. Deshalb war sie froh über das Sommerferienprojekt im Jugendtreff. Im Juli 2021 meldeten sich drei Kinder und zwei junge Erwachsene für ein Landschaftstheaterprojekt im Polenzpark an. Damals ahnte noch niemand, dass daraus spätestens im Sommer 2022 eine Cunewalder Tradition werden würde. Ina habe ihre Tochter damals gleich dazu animiert sich anzumelden. Die Tochter igelte sich bis dahin sehr zu Hause ein, erzählt Ina. Sie hatte zu jenem Zeitpunkt wenig Kontakt zu Gleichaltrigen, da die Mitschüler, darunter ihre Freundinnen, alle im Umland wohnen. Sie habe viel Zeit am Handy verbracht und sei deprimiert gewesen.

Ganz anders war das zu meiner Zeit. Da waren alle Schüler der Oberschule aus Cunewalde. Allein aus einem Dorf kamen 3 starke Klassen zusammen. Zudem gab es in jedem Dorf eine Vielfalt an Angeboten. Damals hatte z.B. jedes Dorf ein Kino. Zudem haben wir uns nachmittags getroffen weil die Freunde in einem Ort wohnten. Wir waren viel draußen in der Natur. Es gab kein Handy und keine Spielkonsolen bzw. Computer. Wir waren mit anderen Dingen beschäftigt, haben gebaut, gebastelt oder Handarbeit gemacht. Ich habe z.B. Pullover gestrickt.“

Ina G. über ihre Kindheit und Jugend als Schülerin in Cunewalde

Hinzu kam, dass im Sommer 2021 viele Schüler mit ihren Familien mit dem Beginn der Ferien sofort in den Urlaub fuhren- man wusste ja nicht, ob und wann der nächste Lockdown kommt und hatte einiges nachzuholen. Es war nicht der passende Augenblick, um ein Stück mit Grund- und Oberschülern zu inszenieren, die sich zu dem Zeitpunkt noch nicht kannten. Aber es war ein Experiment mit Erfolg. Elisabeth Herold holte sich mit Lothar Gärtig, dem Görlitzer Gitarristen und Komponisten, fachliche Unterstützung. Dieser umrahmte das Stück nicht nur musikalisch, sondern schrieb auch das Theaterstück „Spuk im Polenzpark“ für die Gruppe und für die Einwohner von Cunewalde. Denn das Stück sollte als eine Form des Landschaftstheaters im Polenzpark aufgeführt werden. Ziel war es zudem, dass sich die Schüler wie auch die Dorfbewohner mit dem Inhalt identifizieren können. Wilhelm von Polenz, ein bekannter Schriftsteller und Dichter aus Cunewalde und seine verblichene Gattin, dienten dabei als Vorlage und traten im Stück als Geister in Erscheinung, die plötzlich mit den Problemen der Gegenwart konfrontiert werden.

Zu Beginn sei die Tochter schüchtern gewesen, erinnert sich Ina, im Jugendtreff trat sie etwas zaghaft an das Projekt heran. Aber als es dann ums Theaterspielen ging und sie ihre Rolle einstudierte, sei sie ganz in ihrem Element gewesen. Sie lernte jeden Tag ihren Text, das Handy lag irgendwo in der Ecke. Sie blühte Tag für Tag mehr auf, sie setzte sie sich auch wieder auf ihr Fahrrad, um zu den Proben in den Polenzpark zu fahren-immerhin vier Kilometer bergauf. Die Premiere im Polenzpark mit ca. 100 Besuchern sei gleich ein Erfolgserlebnis gewesen. Die Einwohner aus dem Cunewalder Tal kamen am Abend in den Park, um das Schauspiel zu erleben und das nach kurzfristiger Ankündigung und fünftägiger Probenarbeit der kleinen Theatergruppe. Die Tochter wuchs förmlich über sich hinaus und mit ihr die Schauspieltruppe, die dabei pädagogisch betreut und künstlerisch angeleitet wurde.

Im Herbst gründete die Schulsozialarbeiterin nun in der Schule eine Theater AG, worüber sich Inas Tochter freute. Zunächst bestand die Gruppe aus 6 Mitgliedern, eine Schülerin zog weg, da blieb ein Kern von 5 Schauspielerinnen, die im Winter zunächst das Weihnachtsstück „Erna de Baum nadelt“ auf die Bühne bringen wollten. Leider waren größere Veranstaltungen oder gar Auftritte zu diesem Zeitpunkt nicht möglich. Die Maßnahmen der Coronapandemie ließen das vorerst nicht zu. Aber die Gruppe verzagte nicht. Elisabeth Herold inszenierte das Stück so, dass daraus ein Drehbuch für einen Film wurde. Schließlich wurde der Jugendtreff innerhalb eines Nachmittags zur Kulisse umgebaut und mit den Darstellerinnen sowie mit spontan eingesprungenen Statisten ein Film gedreht. Der fertige Film wurde auf dem Wichtel Channel (YouTube) des Valtenbergwichtel e.V. veröffentlicht und konnte so nicht nur in den Familien, sondern auch, Dank der Digitalisierung, mit der breiten Öffentlichkeit geteilt werden. Die Schüler erreichten damit auch ohne Bühne ein Ergebnis und konnten Spuren in ihrer Welt hinterlassen. Inas Tochter habe sich dort sehr flexibel gezeigt, zumal ihr das Medium Film bis dahin nicht vertraut war und eine andere Darstellung der eigenen Rolle verlangte.

Im Januar 2022 meldete die Schulsozialarbeiterin die Theatergruppe just zum 21.Schüler-Welttheatertag des deutsch sorbischen Volkstheaters Bautzen an. Lothar Gärtig schrieb das Stück „ Spuk im Polenzpark“ für die Bühne um. Die Schülerinnen standen nun zum ersten Mal im Burgtheater Bautzen auf den Brettern und wurden von einem Team professionell betreut. Die Theaterpädagoginnen, Beleuchter und Bühnentechniker nahmen das Stück sowie die Schauspielerinnen ernst und sorgten für einen professionellen Auftritt.

Es war für Mandy eine ganz tolle Erfahrung auf einer richtigen Theaterbühne zu stehen und noch dazu von einem Fernsehteam des MDR begleitet und interviewt zu werden. Meine Tochter ist dadurch viel selbstsicherer und selbstbewusster geworden. Zudem stärkt die Theatergruppe den Gemeinsinn: die Proben, selbst Ausflüge und das gemeinsame Pizzabacken sind sehr wertvoll für die Gruppe.“

Ina G. über die Entwicklung ihrer Tochter in der Theatergruppe

Ina freut sich darüber, dass die Theatergruppe bestehen bleibt und ihre Tochter trotz vieler Termine weiterhin engagiert daran teilnimmt. So brillierte sie nicht nur wiederholt im „Spuk im Polenzpark“ anlässlich der 800 Jahrfeier des Dorfes Cunewalde, sondern in einer weiteren Hauptrolle als Lehrerin im Stück „Tapetenwechsel“ anlässlich des 40-jährigen Jubiläums der Oberschule. Ein Stück, in dem die Schauspielgruppe sich wieder einmal mit Vergangenheit auseinandergesetzt hat – dieses Mal mit der DDR.

Ina sei zudem sehr dankbar dafür, dass ihre Tochter auch die Beratung und die Einzelstunden im Rahmen der Schulsozialarbeit wahrnimmt. Solch ein Angebot gab es damals nicht an der Schule, weder für sie noch für ihre älteren Kinder. Ina hat noch zwei große Töchter sowie einen Sohn.

Es ist wichtig, dass es Schulsozialarbeit an den Schulen gibt. Alle Schüler profitieren davon. Sie brauchen einen neutralen Ansprechpartner, der sich außerhalb des Unterrichts ihren Fragen widmet und sich ihrer Sorgen und Probleme annimmt. Es gibt Themen, die die Jugend bewegt und dafür braucht es solche Räume und Sozialpädagogen. Der Jugendtreff ist ein Anlaufpunkt im außerschulischen Bereich und bietet Rückzugsmöglichkeiten sowie Angebote zur persönlichen Entfaltung. Damals wurden die Schüler allein gelassen, da solch eine Hilfe fehlte, die wir jetzt durch die Schulsozialarbeiterin erfahren. Dieses Unterstützungsangebot ist wichtig und muss erhalten bleiben für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.“

Ina G. über Schulsozialarbeit

Das Gespräch führte Elisabeth Herold mit Ina G. im Jugendtreff Cunewalde, November 2022

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